Size matters – leider fast ganz ohne Satire

Als ich das letzte Mal davon schrieb, dass man bei vielen Politikern mittlerweile den Eindruck habe, dass sie nur noch um ihren Anteil am Steuergeld (aka Schweinefleisch) kämpfen, wusste ich noch nicht, wie sehr die Bilder von Politiker-Orgien auf Steuerzahlerkosten aus Italien in den Folgewochen diesen Eindruck bestätigen sollten. Es verwundert daher nicht, wenn manche Zeitungsleserin in Österreich sich in online-Kommentaren an das Video „Schwein sein“ der Prinzen erinnert fühlte – selbst die Schweinemasken im Video sollen in der dekadenten Realität angekommen sein. Es verwundert daher auch nicht, wenn die Italiener mittlerweile ganz offen von der „Kaste der Unberührbaren“ in doppeltem Sinn sprechen – einer Kaste, die glaubt, durch eine Mauer von Privilegien quasi unantastbar zu sein, mit der die Durchschnitts-Italienerin gleichzeitig aber auch nicht mehr in Berührung kommen will.

Es mag sein, dass der eine oder die andere beim Rittern um BBT-Steuergeld heimlich auch von solchen Orgien träumt, aber das ist nicht unser Thema heute. Wie versprochen geht es vielmehr um das regionale Wissen über den BBT – und wenn der Beitrag an der einen oder anderen Stelle doch schlüpfrig werden sollte, liegt das ausschließlich daran, dass ich eine Satire nun mal für die einzige angemessene literarische Form halte, die Projektwidersprüche aufzuzeigen, und dabei gelegentlich auch ins Absurde abgleite oder gar ins Alberne abrutsche – die Realität mit den bitteren Folgen für alle ist den meisten Leserinnen und Lesern ansonsten nicht zumutbar.

Aber nun in medias res und in die Niederungen der Provinzpolitik in Bozen, Innsbruck, Wien und Brüssel – auf der das letzte Mal versprochenen Suche nach dem regionalen Sachverstand zum BBT. Alle PolitikerInnen landauf, landab wissen unisono, dass der Brenner-Basis-Tunnel

  • sehr lang wird,
  • den Güterverkehr aufnehmen wird,
  • die Reisezeit von Bozen nach Innsbruck auf eine Stunde halbiert,
  • ab Inbetriebnahme so um 2025 herum Autobahn und bestehende Brennerbahn vom Schwerverkehr befreit,
  • die AnrainerInnen von Lärm und Abgasen befreit,
  • von der Bevölkerung gewünscht und gefordert wird,
  • der heimischen Wirtschaft viele Aufträge bringen wird,
  • außerdem ein „Green Corridor“ wird, also irgendwie ein Öko-Projekt ist,
  • und – sehr bedeutsam und deshalb zu betonen – eben seeeeehr lang wird.

Die Frage ist natürlich, woher das alle wissen. Würde man sie fragen, erhielte man vielleicht Antworten wie „das weiß doch jedes Kind“ oder „dafür bauen wir den BBT“, alternativ „das liest man in BBT-Hochglanzprospekten“ oder auch „das hat Konrad Bergmeister uns erzählt.“ Letzterer rühmt sich in (pseudo)(populär)wissenschaftlichen Publikationen schließlich damit, den Bürgern das Projekt auf über 100 Informationsveranstaltungen näher gebracht zu haben, und betreibt mit der BBT SE teure Info-Points am Bahnhof in Innsbruck und in der Franzensfeste, mit denen man sich gerne bürgernahe gibt. Kurz bevor besagter Infopoint am Bahnhof eröffnete, überzeugte er sich übrigens bei Einbruch der Nacht sogar höchstpersönlich davon, dass er der BBT damit bella figura macht.* Und schließlich ist er ja ausgewiesener Experte für konstruktiven Ingenieurbau, beschäftigt sich mit Themen wie Betontechnologie und Bauwerksüberwachung, vergibt laut Webseite des Instituts, das er leitet, Masterarbeiten wie „Reales Tragverhalten bestehender Bogenbrücken“ und hält Fachvorträge zu Themen wie „Bogenbrücken – die wirksamste Lastabtragung?“ **

Damit wäre dieser Blogbeitrag eigentlich schon fast am Ende – der regionale Sachverstand ist so gut wie erschöpfend dargestellt. Denn obwohl eben die Regionalpolitik – auch jene in Wien – alles über den BBT zu wissen glaubt, das man wissen muss, um ein solches Projekt zu genehmigen, weiß man das alles dann, wenn so jemand wie beispielsweise ich näher nachfragt, doch wieder nicht ganz so genau. Oder etwas klarer ausgedrückt: der Durchschnittspolitiker hat keine Ahnung vom Projekt. Wie sollte er auch, während er von einem Termin zum nächsten eilt und – wohlgemerkt immer in Erfüllung seiner Repräsentationspflichten – an abendliche oder gar nächtliche Bürgernähe und daraus resultierende Alkoholpegel und Stellungen denkt, Zeit haben, sich in die Akten und Unterlagen zum BBT zu vertiefen?

Ich selbst wollte es im UVP-Verfahren allerdings etwas genauer, und zwar schwarz auf weiß, wissen, was der BBT nun bringt oder nicht bringt, und habe mich also in die Akten vertieft und bei den UVP-Verhandlungen ein wenig nachgefragt. Dieses Wissen-Wollen war letztendlich der Beginn einer knisternden Beziehung zu den Spitzen der BBT SE. Oder, um es wieder etwas deutlicher zu sagen: Die BBT SE und Prof. Konrad Bergmeister haben alles, was ich oben an Allgemeinwissen zum BBT aufgelistet habe, nie in dieser Deutlichkeit gesagt oder behauptet – mit Ausnahme des ganz wichtigen Hinweises auf die Länge des BBT.

Nein, Sie werden Prof. Bergmeister 2030 nicht damit festnageln können, dass er jemals gesagt hätte, der BBT würde den Schwerverkehr in den Tunnel verlagern, die Anrainer von Lärm und Emissionen befreien, Energie sparen oder sogar all das gleichzeitig. Nein, in aller Regel gibt Prof. Konrad Bergmeister so unverfängliche Äußerungen wie „es braucht Infrastrukturen“ zum Besten – auf diesen Stehsatz fasste ein Teilnehmer der sehr kontroversen „Informationsveranstaltung“ vom November 2010 in Steinach Bergmeisters wiederholte Wortmeldungen sehr treffend zusammen. Da hat Bergmeister auch zweifellos und unwidersprochen Recht – nur hat er damit halt nicht gesagt, dass es den BBT tatsächlich braucht. Nein, nein, der Ursprung dieses Mythos ist genauso mysteriös wie jener von Sandy Island – eine Recherche würde eventuell lohnen. Wer Lust hat, kann ja mal nachforschen, ich selbst spare mir die Zeit.

Wenn also Prof. Bergmeister das alles nicht behauptet – macht er das, weil er es nicht weiß, oder weil er es besser weiß? Schließlich war sein Ingenieurbüro 2005/06 an der Umwelt­ver­träg­lich­keitsstudie zum BBT mit der EURAC beteiligt – die Erledigung der Aufgabe hat ihn vermutlich für nachfolgende Funktionen innerhalb der BBT SE empfohlen. Einige der damaligen Teilstudien wie die laut BMVIT durchgeführte „umfangreiche Kosten-Nutzen-Analyse“ und die Public Health Studie des Innsbrucker Sozialmediziners Prof. Lercher wurden ja bis heute nicht veröffentlicht. So gesehen könnten Konrad Bergmeister und der EURAC-Präsident Werner Stuflesser sogar mehr wissen als alle anderen. Am 28. November 2009 konnte man also davon ausgehen, dass bei einer Veranstaltung der Rotarier in Trient, bei der die beiden als Vortragender und Sessionsleiter auftraten, das geballte regionale Wissen zum BBT anwesend sein würde. Aufgrund eines seltsamen Zufalls war ich dort ebenfalls anwesend, und zwar ebenfalls auf dem Podium. Meine Eigenleistung beschränkte sich damals darauf, den vorbereiteten Beitrag zu einem ganz anderen Thema eines kurzfristig verhinderten Professors zu verlesen – darauf wies ich gleich zu Beginn natürlich auch hin.

Bergmeister und ich waren nicht in derselben Session auf dem Podium, weshalb ich das zweifelhafte Vergnügen hatte, seinen Vortrag aus nächster Nähe in der ersten Reihe zu erleben. Es war der einzige jemals von mir beobachtete BBT-Vortrag, der sich in zweierlei Hinsicht von allen anderen unterschied: Die Präsentation war nicht im üblichen Corporate Design der BBT SE gehalten, sondern wirkte optisch im Vergleich dazu geradezu dilettantisch – es fehlte einfach der sonst übliche Hochglanz. Bergmeister stellte außerdem nicht, wie sonst immer, „in gewohnt präziser Art und Weise Zahlen und Fakten zum Megavorhaben“ vor. Wen interessiert schließlich die Anzahl der Querverbindungen zwischen den Stollen, die Länge des Tunnels und derlei unwichtige Details.  Sondern der BBT kam in seinem Vortrag, man höre oder besser lese und staune, so gut wie gar nicht vor.

Da war vielmehr zunächst die Rede von der historischen Bedeutung des Brennerpasses schon fast seit Anbeginn der Zeit, jedenfalls zumindest schon seit den Zeiten Hannibals. Man vergleiche dazu auch das Video auf der Startseite des Auftritts der BBT SE im Web, wo von „einem Projekt“ die Rede ist, „dessen Aktualität in Europa seit fast 2000 Jahren“ anhalte. Gleich daneben wird Hannibal mit der Jahreszahl 218 v. Chr. eingeblendet – ein typisches Beispiel für die „präzisen“ Rechenkünste der BBT SE, die ich aus den UVP-Verhandlungen zur Genüge kenne. Wer so viel Sachverstand wie Konrad Bergmeister, Doktor philosophiae für Volkskunde und Kunstgeschichte, hat, weiß auch bestimmt, dass Hannibal nicht über den Brenner, sondern im französisch-schweizerischen Grenzgebiet über die Alpen gezogen ist – aber ganz so genau hat es die BBT SE mit den „Zahlen und Fakten zu(m) Megavorhaben“ halt selten genommen, die unwichtigen Details lässt man schon gerne mal beiseite.

Abgesehen von historischen „Fakten“ war in Trient dann noch die Rede von einem „Green Corridor“ München-Verona mit Photovoltaikanlagen auf Lärmschutzwänden entlang der Brennerautobahn, Wasserstofftankstellen an eben dieser und der Heizung von ein paar hundert oder tausend Wohnungen in Innsbruck durch Tunnelwässer. Bergmeister erzählte sogar freimütig, wie es zum „Green Corridor“ gekommen war: der damalige EU-Koordinator der TEN-Strecke 1 Karel van Miert habe kurz vor seinem Tod Mitte 2009 vorgeschlagen, kurzerhand von einem Umweltprojekt zu sprechen. Die Sache mit der Verlagerung des Schwerverkehrs auf die Schiene und der Hochgeschwindigkeit wollte halt damals schon keiner mehr so recht glauben, und in Italien steht „TAV“ für viele als Synonym für Korruption und Geldverschwendung auf einer Ebene mit einem Schimpfwort. Nein, da muss man der Bevölkerung das Projekt durch eine ganz neue Strategie wieder schmackhaft machen – und das ist letztlich genau jenes Trittbrettfahren auf der ach so modernen Öko-Welle, das eng mit dem das letzte Mal beschriebenen pork barrel behavior zusammenhängt. „Greene“ Umweltschützer sind wir heute doch alle!

Bei den Rotariern in Trient hielt ich mich, da in Vertretung eines anderen anwesend, vornehm zurück. Der Rest der Veranstaltung wäre auch eigentlich keine Erwähnung wert, wenn nicht, ja wenn nicht Prof. Werner Stuflesser („More is More“) sich am Ende seiner Session völlig unerwartet zum BBT geäußert hätte. Man solle diesen als „große Chance“ betrachten und „aufhören, über Zugzahlen zu  sprechen“. Die Äußerung empfand ich schon deshalb als rätselhaft, weil an jenem Vormittag in Trient kein Mensch über Zugzahlen gesprochen hatte. Ich hätte Stuflesser als spontane Reaktion zwar gern die Frage gestellt, ob er den BBT auch dann für sinnvoll hält, wenn am Ende gar keine Züge durch diesen fahren, aber in der Weste eines anderen auf dem Podium hielt ich das dann doch für unpassend. Ob die Äußerung damit zu tun hatte, dass an diesem Tag in den regionalen Medien über die Veranstaltung in Trient vom Vortag berichtet wurde, die ich im Blog schon erwähnt habe? Ich fürchte, wir werden es nie erfahren.

Ich bin ja durchaus froh, dass Prof. Bergmeister all die Mythen rund um den BBT nie öffentlich verbreitet hat. Sonst hätte ich mir nämlich ernsthaft überlegen müssen, ihn als Kandidaten für den „sceptic Award“ zu nominieren, bei dem das „Goldene Brett vorm Kopf“ verliehen wird –  alle geforderten Kriterien wären nämlich aus meiner Sicht sonst allzu präzise erfüllt:

Nominierung von Prof. Konrad Bergmeister und BBT SE-Vertretern für das
„Goldene Brett vorm Kopf“ 2013

Wissenschaftliche Theorie:

Der Brenner-Basis-Tunnel wird

  • Güterverkehr aufnehmen,
  • die Reisezeit von Bozen nach Innsbruck auf eine Stunde halbieren,
  • ab Inbetriebnahme so um 2025 herum Autobahn und bestehende Brennerbahn vom Transit-Schwerverkehr befreien,
  • die AnrainerInnen von Lärm und Abgasen befreien,
  • von der Bevölkerung gewünscht und gefordert,
  • der heimischen Wirtschaft viele Aufträge bringen,
  • sozio-ökonomisch ein Gewinn und betriebswirtschaftlich kostendeckend,
  • außerdem ein „Green Corridor, also irgendwie ein Öko-Projekt,
  • aus den aufgezählten Gründen umweltverträglich und darf in einem UVP-Verfahren daher genehmigt und mit Steuergeldern gebaut werden.

Kriterien für die Nominierung:

  • Grad der Abwegigkeit: wie sehr stehen die Theorien, deren Evidenz mangelhaft ist oder gänzlich fehlt, im Widerspruch zu gestützten Theorien/Naturgesetzen?
    Völlig abwegig. Alle im UVP-Verfahren zum BBT vorgelegten Unterlagen und Studien können die Theorie nicht stützen, ebenso wenig die nicht veröffentlichten Unterlagen.
  • Kritikresistenz: werden längst widerlegte Argumente weiterhin wiederholt? Werden Kritiker aufgrund sachlich fundierter Gegenargumente sogar abgemahnt?
    Die Argumente werden beharrlich seit über zwanzig Jahren wiederholt. Veranstaltungen von Kritikern werden boykottiert, Kritiker werden auf öffentlichen Veranstaltungen gerne angebrüllt, im Vorfeld diffamiert oder auf andere Weise zum Schweigen zu bringen versucht.
  • kommerzielles Interesse
    Besteht bei Prof. Bergmeister aus rund 300.000 Euro Jahresgehalt (und einem daher wahrlich „goldenen Brett), bei den Vertretern der BBT SE, Planungsbüros, Bauwirtschaft, Banken; ist zudem bei politischen Parteien, ihren Vertretern und einigen Beamten nicht völlig auszuschließen. Größenordnung ca. 12-24 Milliarden Euro inkl. eventueller illegaler Parteienfinanzierung und Schmiergeldern.
  • Aktionsradius: lokal, regional, global, unterstützt durch potente Geldgeber, vernetzt mit einflußreichen Personen, Institutionen, Unternehmen oder Medien
    lokal in Nord- und Südtirol, regional in Tirol, Trentino, Verona, Bayern, international in Rom, Wien, Berlin, Brüssel; leider keine Unterstützung durch potente Geldgeber, sondern ausschließlich durch einflussreiche Unternehmen, Personen und Institutionen, die Zugriff auf Steuergelder haben oder durch den Bau erlangen, sowie durch die meisten Massenmedien, die die Theorie unreflektiert verbreiten.
  • Pseudowissenschaft: werden para- oder pseudowissenschaftliche Theorien dezidiert als Wissenschaft ausgegeben?
    Verkehrsverlagerung, Lärm- und Abgasverringerung sowie Energieeinsparung werden als Naturgesetze dargestellt, die aus dem Bau des BBT bzw. von Eisenbahn-Hochgeschwindigkeitsstrecken zwangsläufig resultieren.
  • Gefahrenpotenzial: Gefährdung der Gesundheit oder gar des Lebens von Personen, bzw. politisch-gesellschaftliches Gefährdungspotenzial (z.B. Rassentheorien).
    Bislang mindestens ein direktes Opfer auf der BBT-Baustelle; langfristig Gefährdung von Personen durch Brände und Unfälle im BBT (vgl. mind. 3 Vorfälle im Eurotunnel); schwerwiegende Gefährdung der öffentlichen Haushalte Österreichs und Italiens und des sozialen Friedens.
  • Bandbreite/Wirkungsspektrum
    Gesamtbevölkerung in Österreich und Italien.

Wie gesagt handelt es sich hier nicht um eine echte Nominierung, sondern um ein satirisches „Fac Simile“; Konrad Bergmeister und die BBT SE haben das alles schließlich nie behauptet.*** Sie haben aber auch nie das Gegenteil behauptet – und mit den „Zahlen und Fakten zum Megavorhaben“ bei vielen Zuhörern ihrer Info“-Veranstaltungen, die die segensreiche Wirkung des Projekts mehr oder weniger heraushören wollten, sicherlich vielfach den Eindruck erweckt, dass es so sein könnte.

Besonders schwer hatte es Prof. Bergmeister mit seiner Mission übrigens immer auf akademischem Terrain. Bei einem von der akademischen Verbindung „Austria“ in Innsbruck im Herbst 2010 organisierten Abend wurden mehrere bekannte BBT-Kritikerinnen im Publikum vom ORF-Moderator zwar zufällig ignoriert, zur Überraschung aller gab es aber trotzdem bis auf eine Ausnahme lediglich den BBT ablehnende Wortmeldungen aus dem Publikum, nicht zuletzt von einem der damaligen Vizerektoren der Universität Innsbruck. Es dürfte sich dabei kaum um die Anarcho-Szene gehandelt haben – was nur deshalb eine Erwähnung wert ist, weil Kritiker des Hochgeschwindigkeitswahns medial gerne in diese Ecke gestellt werden.

Ein weiteres Mal wagte Prof. Bergmeister sich im Herbst 2012 an die Uni Innsbruck in einen Hörsaal mit angehenden Akademikern. Ein seltsamer Zufall wollte es, dass ich mich nur wenige Meter Luftlinie entfernt in der Bibliothek des Instituts für Arbeitsrecht aufhielt und dort noch zufälliger mit einer Studierenden ins Gespräch kam, die am Treffen teilgenommen hatte. Ihre Meinung war eindeutig: die Studierenden seien überwiegend enttäuscht gewesen, kritische Fragen seien nicht oder nur ausweichend beantwortet worden – und auf einen Hinweis auf das grottenschlechte Kosten-Nutzen-Verhältnis des Projekts (liest da jemand diesen Blog?) habe Bergmeister nur geantwortet, dass dies Sache der Politik sei. Mit Verlaub, Herr Professor Bergmeister: Falls Sie das tatsächlich so gesagt haben sollten, würden Sie damit Ihre eigene Rolle bzw. jene der BBT SE bei der Genehmigung des Tunnels ziemlich kleinreden. Es stellt sich ohnehin die Frage, ob Sie als unabhängiger, finanziell gut situierter Wissenschaftler eine ganz andere Rolle hätten spielen können als jene, die für Sie von vornherein von anderen vorgesehen war.

Die Gründe, weshalb Politiker gigantische Infrastrukturprojekte gerne pushen, wurden im Blog bereits ausführlich behandelt. Die Gründe, weshalb jemand wie Prof. Bergmeister seinen Ruf als seriöser Wissenschaftler riskiert, waren nicht nur mir hingegen immer schleierhaft – bis zu jenem Tag, an dem ich mich mit Tiefenpsychologen über das Tunnelprojekt unterhielt. Bei den einen – den Politikern – wie beim andern – dem Bergmeister – mag eventuell nämlich noch etwas eine gewichtige Rolle spielen, das bisher an dieser Stelle noch nicht beleuchtet wurde: die schlichte Tatsache, dass Großprojekte ihre ganz eigene Anziehungskraft, neudeutsch Sex Appeal, haben – und wir alle in unserm tiefsten Inneren ein ganz kleines bisschen den Wunsch nach Unsterblichkeit hegen.

Weshalb es, ich habe es eingangs erwähnt, eben auch so sehr auf die Länge des Tunnels ankommt. Die meisten Spitzen der regionalen Politik und der BBT SE betonen daher bei jeder Gelegenheit, dass es sich hier um    nein, leider nicht den längsten Tunnel der Welt handelt. Wobei es den meisten von ihnen jedes Mal sichtlich Mühe bereitet, das nur deshalb nicht sagen zu können, weil es da noch ein Schweizer Bergvolk gibt, das die Frechheit besitzt, am Gotthard ein paar Meter weiter zu graben. Also betonen sie dafür umso deutlicher, dass es sich beim BBT um das „weltweit längste, zusammenhängende Tunnelsystem“ handele – gemeint ist der BBT mit der seitlich im Berg einmündenden Umfahrung von Innsbruck. Da das aber gar so kompliziert und so schwer zu verstehen ist und es ja auf die Länge ankommt, verballhornen sie selbst das in ihren Präsentationen immer wieder gern zum „längsten, weltweit zusammenhängenden Tunnelsystem“. Es ist natürlich eine besondere Ironie, dass der BBT – falls er denn jemals fertig gestellt würde – mit wenig mehr als einer halb fertigen Unterinntaltrasse zusammen so ziemlich in der Luftleere hängen würde. Doch es kommt noch dicker für das Selbstwertgefühl der BBT-Beteiligten: Die frechen Schweizer überlegen mittlerweile, ihren Gotthardbasistunnel um weitere 12 km zu verlängern. Er wäre dann nicht nur der weltweit längste Tunnel, sondern auch Teil des weltweit längsten, zusammenhängenden Tunnelsystems.

Den heimischen Größen können wir gern Trost anbieten: Es bleiben für den BBT noch ein paar Superlative übrig. Anbieten würde sich aus meiner Sicht zum Beispiel „das längste Tunnelprojekt der Welt“, „der teuerste Tunnel der Welt“ oder auch „der längste sinnlose Tunnel der Welt“, der damit den Seikan in Japan ablösen würde. Dieser sollte eigentlich ein warnendes Beispiel sein, allein die jährlichen Kosten für Unterhalt und Tilgung wurden schon vor Jahrzehnten auf umgerechnet rund 500 Millionen Euro taxiert.

Auch mit der Unsterblichkeit ist es so eine Sache. Mancher, der am BBT irgendwie beteiligt ist, mag vermutlich nicht von den eingangs erwähnten wilden Orgien im irdischen Dasein träumen, und es kann sogar sein, dass Größe und Länge für ihn keine Rolle spielen. Aber dann ist da vielleicht dieser Wunsch mancher Spitzen, dass man sich über deren kurzes Dasein hinaus an sie und ihr segensreiches Wirken (gemeint ist jetzt nicht Bunga-Bunga) erinnern möge. Freilich, so einfach wie zu Zeiten der Monarchie ist das heute nicht mehr. Wer heutige Jugendliche fragt, wie viele Landeshauptleute, Bundeskanzler oder Presidenti del consiglio der letzten Jahrzehnte sie aufzählen können, wird sehr schnell ernüchtert sein. An die Erbauer der Pyramiden oder des Suezkanals hingegen…. erinnert sich das kollektive Weltgedächtnis!

Es ist leider anzunehmen, dass die Bevölkerung den Bau von Pyramiden auf Kosten des Steuerzahlers heute nicht mehr hinnehmen würde, auch nicht zu Ehren höherer Wesen als irdischer Vergänglicher. Selbst der Bau von Mausoleen ist, trotz Bezahlung aus eigener Tasche, in manchen Staaten mittlerweile verboten. Bleibt also als Alternative regional derzeit nur der BBT. Freilich ist auch das nicht so einfach. Denn der Name des Probestollens ist ja schon vergeben, und zwar ausgerechnet an einen, der selbst wohl einige Zweifel am Sinn des Projekts hegte und damit nicht einmal hinter dem Berg hielt (die Tragik des Ereignisses, das dazu führte, soll hier keinesfalls übersehen werden.) Bleiben noch zwei Stollen, wenn sie jemals fertig werden – und eine Frage des richtigen Timings. Und die Gefahr, dass spätere Generationen, die die Schulden und den Unsinn erben oder den Unsinn hier lesen, den BBT und die für dessen Bau Verantwortlichen alles andere als in guter Erinnerung behalten.

Bevor dieser Beitrag noch pietätloser wird, beende ich dieses Thema wieder. Da wir leider feststellen mussten, dass der regionale Sachverstand zum BBT sich im Wesentlichen auf das Einbetonieren beschränkt, hoffe ich, dass die geschätzten Leserinnen und Leser mir die unvorhergesehene Länge dieses inhaltsleeren Blogbeitrags nachsehen, und werde das nächste Mal überregional den Sachverstand weitersuchen.

Ein letzte alberne Bemerkung sei aber noch erlaubt, die gar nicht von mir stammt: Ein von mir geschätzter Politiker mit Weitsicht, der den BBT schon kritisierte, als hierzulande auch mancher Grüne noch an den Tunnel glaubte, verbreitet gern das Bonmot, dass ein Projekt wie der BBT nur die Idee von Männern sein könne – es sei eben nicht Sache der Frauen, Berge zu penetrieren und die Natur zu vergewaltigen. Womit er sich tiefenpsychologisch ebenso bewandert zeigt wie jene, die mich auf die Sache mit der Länge und der Unsterblichkeit hinwiesen.

Lustigerweise ist dieser Beitrag zum Großteil während einer Zugfahrt durch die Schweiz entstanden. Sie ist das einzige Land Europas, in dem man heutzutage noch bedenkenlos so waghalsige Manöver wie spätabendliche Zugverbindungen mit kurzen Umsteigezeiten an einem Sonntag bei angekündigtem Schneefall buchen kann. Also war sogar der Ausfall des ÖBB-Railjet ab Zürich, der sehr kurzfristig erfolgt sein muss, kein Problem – der Schweizer Takt erforderte lediglich zweimaliges Umsteigen auf Regionalverbindungen, bis in Buchs besagter Railjet, der es wohl nicht mehr rechtzeitig nach Zürich geschafft hatte, wartete. Noch nicht mal ein Ersatzzug war nötig, keine nennenswerte Verspätung entstand. Wenn die ÖBB sich also mittlerweile gern als pünktlichste Bahn Europas rühmen, so sei hiermit deutlich gesagt, dass ich diese Angabe als halbwegs regelmäßiger Railjet-Fahrer nicht ganz nachvollziehen kann und jeglicher Vergleich mit den effizientesten Bahnen dieser Welt wohl etwas gewagt ist (in der ÖBB-Statistik würde die geringe Verspätung vermutlich auch als „aus dem Ausland übernommen“ aufscheinen).  Die Schweizer bauen eben nicht nur den längsten Tunnel – man kann weitaus mehr von ihnen lernen, wenn es um ein funktionierendes Bahnsystem geht. Vor allem auch, dass Superlative nicht alles sind und es nicht nur auf die Länge ankommt.

Inhaltsverzeichnis der Blogbeiträge „Im Focus

* Ein seltsamer Zufall wollte, dass ich zu ebendieser Zeit aus nicht mehr bekannter Ursache am Bahnhof war, mich über den damals noch aufgestellten Schaukasten des BBT-Projekts lustig machte und Augenzeuge der Anwesenheit wurde.

** Da ich Prof. Konrad Bergmeister als höchst integre Person kennen und schätzen gelernt habe, will ich keineswegs andeuten, dass ein Fall von wiss. Fehlverhalten vorliegen könnte, der etwa ein Thema für die Österreichische Agentur für wissenschaftliche Integrität (ÖAWI) werden könnte. In allen seinen Bei- und Vorträgen hat Bergmeister, da bin ich mir fast ganz sicher, urheberrechtlich völlig korrekt auf die Eigenleistungen anderer hingewiesen, sofern es diese überhaupt je gegeben hat und sie eine Verwertung fanden – aus der Ferne lässt sich so etwas ja nicht so einfach beurteilen und persönlich interessiere ich mich für die Forschungsthemen rund um Beton jetzt nicht ganz so sehr. Ich wundere mich auch keineswegs darüber, dass Prof. Bergmeister laut einem Artikel in Echo 09/2012 an der Universität für Bodenkultur noch immer eine Vollzeit-Professur bekleidet und die Erwartungen an diese Stelle trotz der vielfältigen anderen Aufgaben vollständig erfüllt. Natürlich hat er alle seine Nebenbeschäftigungen auch ordnungsgemäß gemeldet – und diese wurden für vereinbar mit seinen dienstlichen Aufgaben gehalten.

*** Falls ich mich hier irre, so genügt eine kurze Richtigstellung von Seiten Prof. Bergmeisters oder der BBT SE an die Redaktion des Blogs, und ich werde diese Passagen gerne entsprechend abändern. Ich muss mir dann allerdings überlegen, ob eine Nominierung für den Award nicht tatsächlich gerechtfertigt wäre.

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